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Haben die Golfer das Spielen verlernt?

Mit einem Spielplan zum besseren Score

von und mit Dieter Praun
 

Vor nunmehr zehn Jahren legte Nick Faldo eine fast zweijährige Pause ein, um unter Leitung von Golf-Guru David Leadbetter seinen Schwung völlig zu überarbeiten. Seither glaubt die ganze Golf-Welt, dass Spielstärke allein zu besseren Ergebnissen führt. Doch was nützt diese Erkenntnis dem Freizeitgolfer, der nicht die athletische Voraussetzung eines Faldo hat?

Zugegeben - je später ein Amateur mit dem Golfsport begonnen hat, desto wahrscheinlicher wird er den "alten" Golf-Hasen schwungtechnisch voraus sein. Schon allein, weil sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts die Qualität des Golfunterrichts rigoros weiterentwickelt hat, was wiederum insbesondere Schwung-Experten à la David Leadbetter, Jimmy Ballard, Jim Flick und Peter Kostis zu verdanken ist. Aber - ein erster Blick auf die Handicap-Listen in den Golfclubs lässt Zweifel an der Wirksamkeit der modernen Golf-Techniken aufkommen.

Vergessen scheint die alt überlieferte Weisheit, dass man "den Golfschwung auf der Driving-Range, das Golfspiel aber auf dem Platz erlernt". Heute interessieren sich die Golf-Eleven nicht mehr dafür, wie man den Ball aus dieser oder jenen Lage schlägt, sie wollen vielmehr alles über Pronation und Suppination wissen. Was aus sportwissenschaftlicher Sicht wohl einen Fortschritt darstellt, aus ergebnisorientierter Sicht aber viele Golf-Einsteiger auch noch nach drei Jahren mit - und gegen - einem hohen Handicap kämpfen lässt.

Ein Golfer denkt, dass er allen Spiel-Eventualitäten gewappnet ist, so er nur alle nur erdenklichen Schlagvarianten geübt und sich ein entsprechendes Gefühl der Sicherheit antrainiert hat. Dabei liegt das Geheimnis guter Scores nicht in der perfekten Technik (wie uns anhand der Schwünge von Mark James, Jim Furik oder auch Colin Montgomerie anschaulich verdeutlich wird), sondern in der Fähigkeit, damit erfolgreich zu handeln.

Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Handeln auf dem Platz ist zunächst und insbesondere eine genaue Kenntnis der Schlag-Distanzen...

Um sich diese zu veranschaulichen, hilft eine Tabelle mit 13 Zeilen und drei Spalten. Tragen Sie nun in die erste Zeile in der ersten Spalte Ihren kürzesten Schläger (Lob- oder Sand-Wedge) ein, in die zweite Zeile den zweitkürzesten, usw. In die zweite Spalte gehört die Durchschnittsweite, die Sie mit den jeweiligen Schläger erzielen (schlagen Sie mit jedem Schläger acht bis zwölf Bälle, um diesen Mittelwert zu ermitteln).

Allerdings ist Länge bekanntlich nur die halbe Score-Miete...

Auch seitliche Abweichungen gilt es zu berücksichtigen, zumal bei der Mehrzahl der Golfer der Schlägerkopf die Ziellinie von außen nach innen kreuzt. Ein schwungtechnischer Fehler, der nur halb so schlimm zu (Score-) Buche schlägt, solange man seine Auswirkungen auf den Ballflug kennt. Bei kurzen Eisen fliegt der Ball nach links (weil er durch den starken Schlägerblatt-Loft sehr viel Rückwärts- und wenig Seiten-drall annimmt.) Bei den längeren Schlägern indes startet der Ball nach links und dreht nach rechts ab (weil der Seitendrall zur Geltung kommt). Notieren Sie in der dritten Spalte, um wie viele Meter ihre Bälle durchschnittlich vom anvisierten Ziel abweichen. (In diesem Zusammenhang: Verbannen Sie Schläger mit mehr als 15 Meter Abweichung aus Ihrem Bag - sie richten mehr Böses als Gutes an!)

Natürlich geht es hierbei nicht darum, einen schwungtechnischen Fehler zu ignorieren. Aber für Schwung-Korrekturen ist die Dri-ving-Range, das Pitching- und das Putting-Grün da. Auf dem Platz kann man sich nicht auf Schwung und Spiel konzentrieren - hier gilt es, mit dem vorgegebenen Schwung so erfolgreich wie möglich abzuschneiden. Wofür das Vertrauen in den Schlag eine entscheidende Rolle spielt! Ob ein Spieler nach rechts oder links zielt, ist - in vertretbaren Maßen - unwesentlich. Hauptsache, der Ball fliegt zum Ziel. Problematisch wird's, wenn ein Spieler zwar "mittig" zielt, dann aber aus Angst vor Wald/Bunker/Wasser rechterhand so stark gegenagiert, dass er den Ball prompt nach links verzieht...

Auf die mathematische Vorbereitung (Entfernung zum Ziel und eventuelle seitliche Abweichungen) folgt der kreative, sprich gedankliche, Teil der Körper- und Schlagvorbereitung.

Die Behauptung, dass viele Amateure pro Runde fünf bis zehn Schläge einsparen könnten, wenn sie einen Spielplan hätten, ist bestimmt nicht übertrieben. Bislang versuchen sich aber zu viele Amateure - im Gegensatz zu den Profis - viel zu oft an viel zu waghalsigen Schlägen. Profis halten sich konsequent an den Spielplan, den sie zuvor unter Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten erstellt haben. Amateure indes improvisieren je nach Spielsituation!

Kehren wir daher zu unserer Tabelle zurück. Der dritten Spalte können Sie entnehmen, welche Schläge Ihnen am besten (und am meisten) gelingen. Nun gilt es herauszufinden, mit welchem Schläger Sie aus 60 bis 120 Metern die höchste Treffquote erzielen. Der entsprechende Schläger ist fortan ihr wichtigster Begleiter. Der Schläger, mit dem Sie die größte Weite (siehe zweite Spalte!) erzielen, sollte indes der Schläger sein, den Sie am häufigsten am Abschlag verwenden.

Bei der Entwicklung des Spielplans sollte Ihr sicherster Schläger so oft wie möglich Berücksichtigung finden. Schließlich - warum mit dem Driver abschlagen, wenn der Schlag mit dem Eisen 3 berechenbarer ist und zudem beim Grünanspiel einen vollen 100-Meter-Schlag lässt (statt einen Viertel-Schlag aus 60 Metern?)
Der falsche Stolz, aus dem heraus an jedem Loch ein Wettdriven gegen die Mitspieler veranstaltet wird, führt nur selten zum erwünschten (Score-)Erfolg!

Es bringt auch nichts, "lieber einen Schläger mehr zu nehmen und leicht zu schwingen". Denn wie sollte aus einer zögerlichen Bewegung heraus ein entschlossener Schwung entstehen?
Der Schlüssel zum Erfolg liegt bei jedem vollen Schlag in einem vertrauensvollen Schwung - und in stets wiederkehrender Schwung-Intensität, -Tempo und -Bewegungsgefühl! Ein sorgfältig ausgearbeiteter Spielplan ermöglicht Ihnen, Ihre Stärken auszuspielen und im richtigen, geplanten Moment anzugreifen.

Zudem gilt es, die Gedanken bei jedem Schlag auf ein möglichst kleines Ziel zu fixieren ("Mitte Fairway" oder "rechte Grünhälfte" sind zu konfus!). Ein Sportschütze fixiert in der Hoffnung, das Schwarze zu treffen, auch nicht nur die Scheibe. Vielmehr konzentriert er sich auf das schwarze Zentrum - wodurch sich ihm ein größerer Spielraum für Fehler eröffnet. Genauso verhält es sich im Golf. Wer beim Chip das Loch fixiert, hinterlässt sich wahrscheinlich nur einen "geschenkten" Putt, wenn er das Ziel verfehlt. Wer den Ein-Meter-Umkreis ums Loch anpeilt, steht nachher wahrscheinlich vor einem schwierigen Putt.

Denken Sie also daran, wenn Sie das nächste mal an ein "langes Par 4" kommen...

Es bringt nichts, automatisch zum Driver zu greifen, obwohl sie diesen erfahrungsgemäß zumeist nach rechts (ins kniehohe Rough) slicen oder nach links (ins Aus) verziehen. Halten Sie sich an Ihren Spielplan - und überlassen Sie die "provisorischen Abschläge" Ihren Mitspielern!

Den Beweis, wie weit Sie Ihren Driver schlagen, können Sie auf der Driving-Range antreten - bei der Siegerehrung werden die Spieler nach vorne gebeten, die die 18 Löcher am ergebnisorientierten absolviert haben. Denn im Golfsport macht sich Erfahrung - und Souveränität - weitaus bezahlter als ein schöner Schwung. Außerdem hat im Golf das "Länger, weiter, höher"-Prinzip keine Gültigkeit!

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